Toxizitätsmanagement bei neuen systemischen Therapien
Dr. Eva Hellmis, Duisburg
Moderne uroonkologische Therapien stellen neue Anforderungen an das Nebenwirkungsmanagement. Hinzu kommt, dass immunonkologische Therapien zunehmend in frühere Krankheitsstadien vorrücken.1,2 „Das sind Patienten, die wir in den Praxen sehen“, erläuterte Dr. Eva Hellmis. Die niedergelassene Urologin informierte darüber, wie Nebenwirkungen frühzeitig erkannt, differenzialdiagnostisch eingeordnet und behandelt werden können.
Anamnese essenziell
Eine sorgfältige Anamnese ist essenziell – insbesondere im Hinblick auf vorbestehende Autoimmun- und Hauterkrankungen, kardiovaskuläre Komorbiditäten oder endokrine Störungen. „Wir dürfen eine bestehende Erkrankung mit unseren Therapien nicht verschlimmern“, mahnte Dr. Hellmis. Auch der funktionelle Zustand sei wichtig, hob sie hervor. Für ein geriatrisches Assessment empfahl sie zum Beispiel die Verwendung des G8-Scores.

Bild: Dr. Eva Hellmis
Immuntherapie: Grundprinzipien wichtig
Immunvermittelte Nebenwirkungen (irAEs) können jedes Organ betreffen.3 Die Kenntnis grundlegender Prinzipien des Managements sei unabdingbar, so Dr. Hellmis.4,5 Bei akuten Infusionsreaktionen ist neben dem Stoppen der Infusion ein Management in Abhängigkeit vom Grad der aufgetretenen Nebenwirkung durchzuführen.
Bei Auftreten von irAEs, z. B. im Bereich der Haut, des Darms oder der Lunge, ist ein alleiniges Pausieren der Therapie nicht ausreichend. Ab Toxizitäten von Grad 2 soll hier zusätzlich frühzeitig eine systemische Steroidtherapie erfolgen. „Wichtig ist ein langsames Tapering der Steroidgabe. Wenn sie zu schnell beendet wird, steigt das Risiko für einen Rebound“, warnte die Expertin. Klinisch hochrelevant ist die Pneumonitis. Bei neu aufgetretenem Husten oder Dyspnoe sollte eine sofortige CT-Thorax-Diagnostik erfolgen. Wichtig sei die Unterscheidung zwischen infektiöser Pneumonie und immunvermittelter Pneumonitis, erklärte Dr. Hellmis, da letztere eine sofortige Steroidtherapie erfordert.
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC): spezifisches Toxizitätsprofil
Enfortumab Vedotin ist ein ADC, das beim fortgeschrittenen Urothelkarzinom (UC) eingesetzt wird. „ADC haben charakteristische Nebenwirkungen, die anders sind als bei der Chemo- oder Immuntherapie“, hob Dr. Hellmis hervor. Hyperglykämien können innerhalb der ersten Zyklen auftreten und sollten durch regelmäßige Blutzuckerkontrollen erfasst werden. Hauttoxizitäten treten ebenfalls frühzeitig, meist ab dem zweiten bis vierten Zyklus, auf. Hier ist die regelmäßige körperliche Untersuchung vor Therapie wichtig. „Manchmal werden sie von den Betroffenen nicht gesehen, weil sie im unteren Rückenbereich lokalisiert sind“, berichtete die Urologin. Polyneuropathien treten erst später − nach vier, fünf Zyklen − auf und sind teilweise reversibel. Das Therapiemanagement basiert auf Therapiepausen und Dosisreduktionen.
Zielgerichtete Therapie: regelmäßige Laborkontrollen
Beim fortgeschrittenen Nierenzellkarzinom ist der orale HIF-2α-Inhibitor Belzutifan eine neue Option. Durch Hemmung der Erythropoetin-Regulation kann es jedoch zu normozytärer Anämie und Hypoxie kommen, daher ist eine regelmäßige Kontrolle der Hämoglobinkonzentration (Hb) und Sauerstoffsättigung (SpO2) erforderlich. Mit Erdafitinib steht für FGFR3-mutierte metastasierte UC eine zielgerichtete Therapieoption zur Verfügung. Typisch ist die Hyperphosphatämie, die regelmäßige Laborkontrollen erfordert. Therapeutisch kommen Dosisanpassungen, phosphatarme Diät und gegebenenfalls Phosphatbinder zum Einsatz. Aufgrund des Risikos für eine zentrale seröse Retinopathie und auch korneale Veränderungen sollten Patientinnen und Patienten über Sehstörungen aufgeklärt und regelmäßige Tests, z. B. der Amsler-Gitter-Test, durchgeführt werden.
Chemotherapien spielen sowohl allein als auch im Rahmen von Kombinationen weiterhin eine wichtige Rolle. Zur Prophylaxe der febrilen Neutropenie steht seit Kurzem ein innovativer, lang wirksamer, nicht-pegylierter G-CSF zur Verfügung.
Quellen
1 Shore, N et al. Sasanlimab plus BCG in BCG-naive, high-risk non-muscle invasive bladder cancer: the randomized phase 3 CREST trial. Nat Med 2025, 31 (8), 2806–2814.
2 De Santis, M et al. Durvalumab in combination with BCG for BCG-naive, high-risk, non-muscle-invasive bladder cancer (POTOMAC): final analysis of a randomised, open-label, phase 3 trial. Lancet 2025, 406 (10516), 2221–2234.
3 Schneider, BJ et al. Management of Immune-Related Adverse Events in Patients Treated With Immune Checkpoint Inhibitor Therapy: ASCO Guideline Update. J Clin Oncol 2021, 39 (36), 4073–4126.
4 Haanen, J et al. Management of toxicities from immunotherapy: ESMO Clinical Practice Guideline for diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol 2022, 33 (12), 1217–1238.
5 Grimm, MO et al. [Side effects of immune checkpoint inhibitor treatment of urological tumors]. Urologe A 2021, 60 (6), 803–815.
