Onkologie und Sex: unvereinbare Extreme?
Dr. Viola Kürbitz, Westerstede
Uroonkologische Erkrankungen wirken sich häufig gravierend auf die Sexualität aus; thematisiert wird dies im Praxisalltag jedoch kaum − trotz eines großen Bedarfs. „Unsere Patienten wünschen sich, von uns darauf angesprochen zu werden“, sagte die Urologin und Sexualtherapeutin Dr. Kürbitz.
Allein die Diagnose einer Krebserkrankung bedeute für die Betroffenen einen „Sturz aus der Wirklichkeit“. Aber auch nach der Therapie seien sie mit Nebenwirkungen und Folgekomplikationen wie erektiler Dysfunktion, Libidoverlust, Orgasmusstörungen, Dyspareunie oder Fertilitätsverlust konfrontiert. Besonders nach sichtbaren Eingriffen, wie etwa einer Stomaanlage, sei das Selbstwertgefühl oft massiv erschüttert.
Auch Partnerinnen und Partner fühlten sich unsicher oder hätten Angst, durch körperliche Nähe zu schaden. Häufig komme es zu Rückzug, Missverständnissen und Sprachlosigkeit, erläuterte Dr. Kürbitz. Sexualität sei jedoch ein integraler Bestandteil von Lebensqualität. Nicht zuletzt wirkt sie sich positiv auf die Krankheitsbewältigung aus: Das Immunsystem wird aktiviert, die Schmerzverarbeitung verbessert und die emotionale Bindung gestärkt.

Bild: Dr. Viola Kürbitz
Sexualität ansprechen – aber wie?
Dr. Kürbitz appellierte an die Verantwortung der Urologie: „Wir begleiten die Patienten nicht nur urologisch, sondern auch im Bereich der Sexualmedizin. Das ist unsere Aufgabe.“ Sie gab viele praktische Tipps zur Gesprächsführung. Demnach könne eine kurze, klar formulierte Frage wie etwa „Ist Sexualität für Sie aktuell ein Thema?“ Türen öffnen. Auch wenn kein Gesprächsbedarf besteht, wirke das Angebot entlastend und schaffe Vertrauen. Zudem könne es hilfreich sein, zu erwähnen, dass diesbezügliche Probleme normal sind und häufig auftreten. Ebenso sollten die Ressourcen der Patientinnen und Patienten thematisiert werden. Am wichtigsten sei es jedoch, wertschätzend zuzuhören. Ausdrücklich trat sie Bedenken entgegen, dass die Gespräche viel zusätzliche Zeit kosten würden.
Wege aufzeigen durch Edukation
Dr. Kürbitz sagte, dass viele Belastungen aus Wissensdefiziten resultieren. Eine gute Aufklärung über zu erwartende physiologische Veränderungen helfe, operative Eingriffe realistisch einschätzen zu können. Informationen zu rehabilitativen Maßnahmen und Hilfsmitteln, wie PDE-5-Hemmern, Vakuumtherapie oder Beckenbodentraining können Ängste reduzieren. Ebenso wichtig sei es, nicht-koitale Sexualität zu normalisieren und Masturbation als Ressource zu enttabuisieren. Die Expertin empfahl eine interprofessionelle Begleitung mit Sexualtherapie, Psychoonkologie, Stomatherapie und spezialisierten Beratungsangeboten. „Ziel ist, dass Patientinnen und Patienten am sozialen und partnerschaftlichen Leben wieder teilhaben können.“
Auch in der Palliation Möglichkeiten schaffen
Ein weitgehendes Tabuthema sei Sexualität im Alter. Sie bleibe jedoch relevant „bis zum letzten Atemzug“, so Dr. Kürbitz. „Auch schwer kranke oder sterbende Menschen sehnen sich nach Sex.“ In dieser Phase gehe es darum, Bedürfnisse wahrzunehmen und in Abstimmung mit Pflegenden und Angehörigen Rückzugsräume zu schaffen, um Nähe, Berührung und körperliche Wärme zu ermöglichen.
