Leitlinien-Update: Kinderurologie
Prof. Dr. Annette Schröder, Mainz
In der pädiatrischen Urologie sind mehrere komplett neue Leitlinien erschienen, andere wurden substanziell überarbeitet oder befinden sich in Revision. Prof. Dr. Annette Schröder gab einen Überblick über relevante Veränderungen.
Primärer Megaureter
In der im September 2025 publizierten S2k-Leitlinie1 wurde die Terminologie vereinheitlicht: Der Begriff „Megaureter“ wird rein deskriptiv verwendet; eine Ureterweite von mehr als 7 mm gilt als pathologisch. Diagnostisch soll bei bilateraler Dilatation oder symptomatischen Kindern eine Miktionszystourethrografie (MCU) zum Ausschluss einer infravesikalen Obstruktion erfolgen. Eine Szintigrafie soll möglichst erst ab der vierten Lebenswoche durchgeführt werden. „Es ist manchmal schwer, in dieser Situation die Nerven zu behalten, aber in den meisten Fällen kann man die Zeit bis zur Nierenreife abwarten, bevor eine Entscheidung getroffen wird“, sagte die Expertin. Bei einer Nierenfunktion von mindestens 45 % und kompensierten Abflusswerten ist die Prognose günstig. Eine konservative Therapie hat Priorität, denn rund 80 % der Kinder benötigen keine Operation und etwa die Hälfte der Befunde bildet sich innerhalb der ersten drei Lebensjahre zurück. Wenn operiert wird, ist das offene Vorgehen der Goldstandard. Die Urologin wies explizit auf die empfohlene Antibiotikaprophylaxe im ersten Lebensjahr hin. „Eine Phimose sollte auf jeden Fall konservativ behandelt werden; eine Zirkumzision senkt das Risiko für Harnwegsinfektionen um den Faktor 10.“

Bild: Dr. Annette Schröder
Mikrohämaturie
Als für die Urologie „extrem hilfreich“ bezeichnete Prof. Schröder die seit 2024 vorliegende S3-Leitlinie zur persistierenden Mikrohämaturie im Kindesalter.2 Das Ziel ist klar: „Es gibt eine erschreckend hohe Anzahl von Kindern, die unerkannte chronische Nierenerkrankungen haben. Wenn diese rechtzeitig erkannt werden, lässt sich die terminale Niereninsuffizienz um bis zu 15 Jahre herauszögern.“ Als persistierend gilt eine Mikrohämaturie, wenn in der Mehrzahl von drei bis fünf Kontrollen innerhalb von drei bis sechs Monaten positive Befunde vorliegen. Obligatorisch sind die Bestimmung des Albumin-Kreatinin-Quotienten sowie eine Familienuntersuchung. Eine Zystoskopie hat bei der Abklärung der kindlichen Mikrohämaturie keinen Stellenwert.
Blasenekstrophie-Epispadie-Komplex (BEEK)
Als „kleine Sensation, auch international“, bezeichnete Prof. Schröder die erste S3-Leitlinie, insbesondere, weil die Evidenzbasis zu dieser sehr seltenen Erkrankung gering ist.3 Eine Übersetzung sei bereits geplant. Sie hob hervor, dass es sich um die erste kinderurologische Leitlinie handelt, in die eine Patientenleitlinie sowie Informationsmaterialien für Betreuungseinrichtungen integriert wurden.
Lichen Sclerosus
Die dermatologische S3-Leitlinie zum Lichen sclerosus sei auch für die Kinderurologie wichtig, so Prof. Schröder.4 Goldstandard ist die topische Therapie mit Steroiden; bei Kindern wird eher Mometason empfohlen. Emollienzien sind obligater Bestandteil der Therapie. Ein engmaschiges Follow-up wird empfohlen, da Rezidive häufig sind.
Zudem stellte Prof. Schröder die Kernaussagen mehrerer bereits etablierter Leitlinien vor, die meistens zwar nur marginal aktualisiert wurden, deren gelegentliche Lektüre aber im Alltag sehr hilfreich ist.
Quellen
1 S2k-Leitlinie Primärer Megaureter im Kindesalter. AWMF-Registernummer 006-132, Version 1.0, Stand: 01.09.2025.
2 Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie und Deutsche Gesellschaft für Nephrologie: S3-Leitlinie: Abklärung der Mikro-Hämaturie bei Kindern und jungen Erwachsenen zur Früherkennung von Nierenerkrankungen. Version 1.0, 05.02.2024, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/166-005.
3 Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (Hrsg.): S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Blasenekstrophie-Epispadie Komplex (BEEK), Leitlinienreport 1.0, 2024, AWMF-Registernummer: 043-058, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/043-058.
4 S3-Leitlinie Lichen sclerosus; AWMF-Register-Nr.: 013-105, 2025, Version 1.0, https://register.awmf.org/assets/guidelines/013-105l_S3_Lichen-sclerosus_2025-06.pdf.
