Leitlinien-Update: Interstitielle Zystitis / Blasenschmerzsyndrom (IC/BPS)
Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Villingen-Schwenningen
überarbeitet und enthält eine Reihe praxisrelevanter Änderungen.1 Schon die Definition des Krankheitsbildes ist eine Herausforderung. „Die IC ist eine zystoskopische Diagnose, die sich stark mit BPS und einer überaktiven Blase überlappt“, stellte Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel klar.
Begleiterscheinungen und Komorbiditäten
Krankheitsfolgen sollen besser erfragt und berücksichtigt werden. „Bis zu 90 % der betroffenen Frauen leiden unter sexueller Dysfunktion, etwa zwei Drittel der Patienten weisen Komorbiditäten wie Reizdarmsyndrom, Endometriose, Fibromyalgie oder Autoimmunerkrankungen auf“, erläuterte die Urologin. Bei Frauen sollte aufgrund eines erhöhten Risikos auch eine kardiologische Abklärung erfolgen.
Die Leitlinie enthält eine Liste potenziell symptomverstärkender Lebensmittel, deren Einfluss individuell ermittelt werden muss. Prof. Schultz-Lampel wies darauf hin, dass auch Cranberry-Präparate ein Trigger sein können.

Bild: Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel
Diagnostik: Relevanz für Sekundärbefunde
Weder eine reduzierte Blasenkapazität noch persistierende Schmerzen seien Diagnosekriterien, betonte die Expertin. Bei bakteriellen oder viralen Infekten sollte an sexuell übertragene Erkrankungen gedacht werden; diese schließen jedoch eine IC nicht aus. „In bis zu 50 Prozent der Fälle finden wir etwas, meist Chlamydien oder Ureaplasmen“, so Prof. Schultz-Lampel. Neu ist die Empfehlung, bei unauffälligem zystoskopischem Befund und eindeutigen Beschwerden eine Urethrozystoskopie in Narkose durchzuführen und um eine Hydrodistension zu erweitern. Da das Risiko für Blasen- und Urothelkarzinome deutlich erhöht ist, werden regelmäßige Kontrollzystoskopien empfohlen. „Wir diagnostizieren häufig Plattenepithelienmetaplasien, Hyperkeratosen, ein CIS oder einen Blasentumor. Mit dieser Früherkennung bleibt ihnen eine lange Leidenszeit erspart.“ Wichtig: Die Biopsie dient primär dem Ausschluss einer Neoplasie.
Therapie: interdisziplinär und multimodal
Therapeutisch wird ein individualisiertes, multimodales und interdisziplinäres Stufenkonzept verfolgt. Neben Lebensstilmodifikation, Ernährungsanpassung und Nikotinkarenz soll bei entsprechender Indikation eine psychotherapeutische/psychosomatische Mitbehandlung initiiert werden.
Pharmakologisch bleibt orales Pentosanpolysulfat die Basistherapie. Aufgrund des Risikos für eine Makulopathie werden augenärztliche Kontrollen empfohlen. Aufgewertet wurde die Off-Label-Therapie mit Cimetidin. Die medikamentöse Schmerztherapie umfasst Antidepressiva und Antikonvulsiva. NSAR und Opioide können Beschwerden verschlechtern und werden daher kritisch gesehen. Mit pulsierenden elektromagnetischen Feldern (PEMF) kann die Durchblutung angeregt und die Entzündung gehemmt werden. Intravesikale Therapien mit Hyaluronsäure und Chondroitinsulfat, als Monotherapie oder miteinander kombiniert, haben eine „Sollte“-Empfehlung. Dies gilt ebenso für die EMDA-Therapie (Electromotive Drug Administration) mit oder ohne Hydrodistension. Neu aufgenommen wurde die hyperbare Sauerstofftherapie. „Wenn alle Therapieoptionen frustran waren, kann die Zystektomie mit Harnableitung die Lebensqualität zurückgeben“, erläuterte die Expertin.
Wichtig als Information für die Patientinnen und Patienten: Seit kurzem gibt es eine neue Patientenvereinigung: Verein für Blasenschmerzsyndrom & IC Deutschland e.V.
Quellen
1 Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (Hrsg.): S2k-Leitlinie für Interstitielle Zystitis (IC/BPS), Langversion 2.0, 2025, AWMF-Registernummer: 043-050, https://www.urologenportal.de/fachbesucher/wirueberuns/dgu/leitlinien-derdeutschen-gesellschaft-fuer-urologie.html
