Mikro-RNA beim Hodentumor – Hot oder Schrott?
Prof. Dr. Julia Heinzelbecker, Marburg
Mikro-RNAs (miRNAs), insbesondere die miRNA-371a-3p, kurz M371, werden in der Diagnostik des Hoden-Keimzelltumors als potenzielle „Gamechanger“ gehandelt. Prof. Dr. Julia Heinzelbecker erläuterte anhand von aktuellen Studiendaten Potenzial, klinische Einsatzmöglichkeiten und Limitationen.
miRNAs sind stabile, nicht-kodierende RNA-Moleküle und damit prinzipiell als Biomarker sehr gut geeignet.1,2 Die Anforderungen sind jedoch hoch.3,4 „Es gibt unzählige Publikationen zu Biomarkern, aber nur ein Bruchteil schafft es tatsächlich bis in die klinische Anwendung“, so die Urologin.

Bild: Prof. Dr. Julia Heinzelbecker
Überlegenheit gegenüber konventionellen Tumormarkern
Eine prospektive multizentrische Studie mit über 600 Patienten konnte für die M371 eine exzellente Sensitivität und Spezifität nachweisen.5 Im Vergleich zu AFP, β-HCG und LDH war die Sensitivität der M371 deutlich besser und korrelierte zudem mit der Tumormasse. „Diese Studie hat gezeigt, dass die M371 die wesentlichen Anforderungen an einen sehr guten Tumormarker erfüllt“, lautete Prof. Heinzelbeckers Fazit.
Teratom-Lücke bleibt
Nach erfolgter Chemotherapie könnte ein Marker helfen, unnötige Residualtumorresektionen zu vermeiden.6 „Studien zeigen, dass die M371 zwischen Nekrose und vitalem Tumor differenzieren kann, sie versagt jedoch bei der Detektion von Teratomen. Wir können diese Teratom-Lücke nicht schließen“, fasste Prof. Heinzelbecker die Daten zusammen.
Surveillance: Reduktion der Bildgebung möglich?
Etwa zwei Drittel der Patienten befinden sich bei Diagnosestellung im Stadium I, mehr als die Hälfte werden aktiv überwacht.7 In einer prospektiven Studie wurden Rezidive mit hoher Sensitivität detektiert; rund ein Drittel sogar früher als mit konventionellen Verfahren.8 Ein definierter Cut-off-Wert verringerte falsch-positive Befunde.8,9 „Eine Reduktion von CT-Untersuchungen wird hiermit möglich; dann, wenn diese nur noch bei M371-Anstieg durchgeführt werden. Allerdings fehlen bisher randomisierte prospektive Studien, die das belegen“, resümierte die Urologin.
Vorhersage von Metastasen
Im Stadium II kann die M371 Metastasen mit hohem positivem Vorhersagewert anzeigen, insbesondere beim Seminom. Ein negativer Befund schließt eine Metastasierung jedoch nicht sicher aus.10–13 Die M371 könnte demnach als ergänzendes Instrument dienen. Zur Vorhersage von Mikrometastasen im Stadium I liefert die serologische Bestimmung keinen Zusatznutzen.8 Neue Ansätze mit gewebebasierten miRNA-Signaturen sind jedoch vielversprechend.14 In einer deutschen Multicenter-Analyse konnte eine 3-miRNA-Signatur identifiziert werden, die mit hoher Genauigkeit Rezidive vorhersagt. Diese Daten müssen noch extern validiert werden.
Praktische Limitationen
Aktuell ist die Verfügbarkeit der M371 begrenzt. Hinzu kommen logistischeAnforderungen, wie der Versand auf Trockeneis, und Kosten von etwa 450 Euro, die meist nicht erstattet werden. Zudem fehlt eine flächendeckende Standardisierung der Testverfahren. Fazit der Expertin: „Trotz dieser Hürden bietet die M371 insbesondere in der Nachsorge einen echten Fortschritt und ist damit weiterhin ‚hot‘, aber für die Vorhersage von Teratomen ,Schrott‘.“
Quellen
1 Esquela-Kerscher, A; Slack, FJ. Oncomirs - microRNAs with a role in cancer. Nat Rev Cancer 2006, 6 (4), 259–269.
2https://geneticistusa.com/blog/what-are-downstream-applications-and-rna
3 Poste, G. Bring on the biomarkers. Nature 2011, 469 (7329), 156–157.
4 Lange, PH; Winfield, HN. Biological markers in urologic cancer. Cancer 1987, 60 (3 Suppl), 464–472.
5 Dieckmann, KP et al. Serum Levels of MicroRNA-371a-3p (M371 Test) as a New Biomarker of Testicular Germ Cell Tumors: Results of a Prospective Multicentric Study. J Clin Oncol 2019, 37 (16), 1412–1423.
6 Nestler, T et al. Adjunctive Surgery Is Often Without Oncological Benefit at Time of Postchemotherapy Retroperitoneal Lymph Node Dissection. J Urol 2024, 211 (3), 426–435.
7 Meyer-Mabileau, P. Hodentumore im Wandel: Untersuchungen zum Erscheinungsbild, zur Therapie und zum Überleben im Zeitraum der Jahre 1975 bis 2017. Diss. 2023, http://dx.doi.org/10.22028/D291-41925.
8 Belge, G et al. Detection of Recurrence through microRNA-371a-3p Serum Levels in a Follow-up of Stage I Testicular Germ Cell Tumors in the DRKS-00019223 Study. Clin Cancer Res 2024, 30 (2), 404–412.
9 Fankhauser, CD et al. Cut-offs for relapse detection in men with stage I testicular germ cell tumors during active surveillance within a prospective multicentre cohort study using either raw or housekeeper normalized miR-371a-3p serum levels. Urol Oncol 2024, 42 (12), 455.e459-455.e413.
10 Seelemeyer, F et al. Evaluation of a miRNA-371a-3p Assay for Predicting Final Histopathology in Patients Undergoing Primary Nerve-sparing Retroperitoneal Lymphadenectomy for Stage IIA/B Seminoma or Nonseminoma. Eur Urol Oncol 2024, 7 (3), 319–322.
11 Konneh, B et al. Evaluation of miR-371a-3p to predict viable germ cell tumor in patients with pure seminoma receiving retroperitoneal lymph node dissection. Andrology 2023, 11 (4), 634–640.
12 Lafin, JT et al. Serum MicroRNA-371a-3p Levels Predict Viable Germ Cell Tumor in Chemotherapy-naïve Patients Undergoing Retroperitoneal Lymph Node Dissection. Eur Urol 2020, 77 (2), 290–292. 13 Thor, A et al. miR-371a-3p Predicting Viable Tumor in Patients Undergoing Retroperitoneal Lymph Node Dissection for Metastatic Testicular Cancer: The SWENOTECA-MIR Study. J Urol 2024, 212 (5), 720–730.
14 Heinzelbecker J et al. Development of an miRNA signature for individual prognostic assessment in seminoma patients. ASCO-GU 2025, #645.
