Neuigkeiten des EAU 2023 – News rund um die Urologie
Für die European Association of Urology (EAU) war der diesjährige Kongress ein besonderes Ereignis, da sie ihr 50-jähriges Bestehen feierte. Aber auch wissenschaftlich wurde den fast 10.000 Teilnehmenden einiges geboten. In unserer Zusammenfassung finden Sie Highlights, die das Potenzial haben, die Versorgung zu verbessern.
Das Blasenmikrobiom und die überaktive Blase
Es gilt als gesichert, dass sich Bakterien auch in gesunden Probanden im Urogenitaltrakt finden lassen – es den sterilen Urin also nicht gibt.
Die Arbeitsgruppe um M. S. Rahnama´i hat sich mit der Frage beschäftigt, ob sich das Mikrobiom zwischen OAB-Patienten mit oder ohne urodynamisch nachgewiesener Detrusorüberaktivität unterscheidet. Dazu haben sie den Mittelstrahlurin von 12 OAB-Patienten mit Detrusorüberaktivität (DO+), von 9 OAB-Patienten ohne Detrusorüberaktivität (DO-) und von 12 gesunden Probanden mittels 16S-rRNA-Sequenzierung untersucht. In der OAB DO+ Gruppe dominierte bei 11 von 12 Patienten (92 %) eines Taxons
(rel. Anteil > 50 %), verglichen zu der OAB Gruppe DO- mit 44 % und der Kontrollgruppe mit 42 %. Der Shannon-Index, der die Diversität anzeigt, weist für die OAB DO+ Gruppe (1,76) einen signifikant niedrigeren Wert auf als für die OAB DO- Gruppe (3,34) und die Kontrollgruppe (3,39). Insgesamt waren Lactobacillus spp. (grün) die dominierenden Bakterien, gefolgt von Gardnerella (blau) und Prevotella (gelb). Der Lactobacillus-Anteil in der OAB DO+ Gruppe war signifikant höher als in den beiden anderen Gruppen (OAB DO-Gruppe: p=0,04; Kontrollgruppe: p=0,03). Der Anteil an Gardnerella unterschied sich hingegen nicht zwischen den Gruppen. Prevotella war in der OAB DO+ Gruppe am niedrigsten.
Das Blasenmikrobiom von OAB-Patienten mit urodynamisch nachgewiesener Detrusorüberaktivität weist eine signifikant niedrigere Diversität und einen höheren Anteil an Lactobacillus spp. auf. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass das Blasenmikrobiom eine Rolle bei der Pathophysiologie der OAB spielen könnte.
Abstract Session 38; Sonntag, 12.03.2023, 15:45-17:15 Uhr
A0690: Differences in the urinary microbiome of patients with overactive bladder syndrome with and without detrusor overactivity on urodynamics. A. Javan Balegh Marand, C. Baars, J. Heesakkers, D. Janssen, M.S. Rahnama´i

Anteil an Bakterien im Blasenmikrobiom der individuellen Personen (Abb. aus Eur Urol 2023;83 Suppl. S971-S972)
Prostatakarzinom
Im Rahmen einer Game-Changing-Session wurden zwei Auswertungen der Beobachtungsstudie ProtecT vorgestellt (Hamdy FC et al./Donovan et al. jew. NEJM 2023). Die multizentrische, randomisierte Phase-III-Studie untersuchte den Nutzen von Active Surveillance (AS) im Vergleich zur radikalen Prostatektomie (RP) und einer definitiven Strahlentherapie (RT) bei lokalisiertem PCa. Auch nach 15 Jahren war das PCa-spezifische Überleben (PCa-OS) unabhängig von der Therapiestrategie mit Raten zwischen 96 - 97 % weiterhin hoch und es gab keine Unterschiede beim Gesamt-OS. Obwohl unter AS häufiger Metastasen auftraten, ging dies nicht mit einem schlechteren PCa-OS einher. Die guten Ergebnisse werden jedoch mit deutlichen Einbußen bei der Lebensqualität erkauft, wie die zweite Analyse zeigte. Eine Patientenumfrage ergab nach 12 Jahren, dass Harninkontinenz am häufigsten nach einer RP auftrat (RP: 24 %, AÜ: 11 %,
RT: 8 %). In allen Gruppen ging die Sexualfunktion direkt nach der Therapie stark zurück. Nach 12 Jahren gab es keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen den Gruppen (RT: 13 %, AÜ: 17 %, RT: 15 %). Die Darmfunktion war in der RT-Gruppe mit 12% stärker beeinträchtigt als bei RT und AS mit jeweils 6 %. Fazit: AS kann auf PCa mit mittlerem Risiko ausgeweitet werden. Nutzen und Schaden der Therapieoptionen können auf Basis von ProtecT kurz-, mittel- und langfristig besser abgewogen werden. Die Ergebnisse sind den Autoren zufolge auf die heutige Praxis übertragbar. Die Nebenwirkungen müssen bei der Aufklärung jedoch stärker adressiert werden.
Harnblasenkarzinom
Blasenkrebs (BC) kann mit einem spezifischen Urin-Gentest bis zu 12 Jahre vor der Diagnose erkannt werden. Ein entsprechendes Panel mit 10 Genen wurde im Rahmen der großen iranischen Golestan-Kohortenstudie geprüft (Le Calvez-Kelm F et al., Abstr. A0268). Von 40 Personen, die innerhalb von 10 Jahren an einem BC erkrankten, wurden 29 Proben untersucht und mit 98 Kontrollpersonen verglichen. Bei 19 Teilnehmer:innen (66 %) konnte mit dem Test ein BC vorausgesagt werden, obwohl die Urinproben 12 Jahre alt waren. Bei 12 von 14 Personen (86 %) erfolgte die BC-Diagnose tatsächlich innerhalb von 7 Jahren. Auch in Bezug auf den negativen prädiktiven Wert war der Test treffsicher: Die Voraussage, dass 96 % der Kontrollpersonen kein BC entwickeln würden, bestätigte sich innerhalb von 6 Jahren. Fazit: Der Test könnte sich bei Validierung in einer größeren Kohorte für ein Screening bei Hochrisikopersonen eignen.
Bezüglich der diagnostischen Verfahren zeigten Daten aus dem größten Register für nicht-muskelinvasiven Blasenkrebs (NMIBC) in den USA, dass das relative Rezidivrisiko durch eine Blaulicht-Zystoskopie (BLC) im Vergleich zur Weißlicht-Zystoskopie signifikant um 67 % gesenkt werden kann (HR=0,33). Dieser Unterschied war schon nach 12 Monaten mit Raten von 79 % vs. 46% deutlich und blieb auch nach 60 Monaten bestehen. Fazit: Der frühere Einsatz einer BLC könnte zu günstigeren Langzeitergebnissen führen. (Daneshmand S et al.; Abstr. A0710).
Nierenzellkarzinom
Die adjuvante Behandlung mit Pembrolizumab wird Hochrisikopatienten empfohlen. Ein risikoangepasster Ansatz könnte helfen, die geeignete Population noch besser einzugrenzen (Campi, R et al. A0476). Der Score berücksichtigt das Stadium, Alter und Komorbidität sowie das Follow-up nach der OP (Stewart-Merrill SB et al. J Clin Oncol. 2015). Retrospektiv analysiert wurden 419 Patienten mit einem cT1-T4N0-N1M0 RCC und einer partiellen oder radikalen Nephrektomie. Mit der Risikoadaption sank der Anteil der geeigneten Patient:innen je nach Follow-up (>2,5 bis >20 Jahre) von 100 % auf 87,7 % bis 28,6 %. Fazit: Bei pN+-Erkrankung, weniger fortgeschrittenem Alter und geringer Komorbidität war der Nutzen am größten.
Zur Deeskalation der systemischen Therapie gibt es kaum Evidenz. Neben Hinweisen aus retrospektiven Analysen gibt es nun auch erste prospektive Daten. In einer kleinen Phase-II-Studie wurde die intermittierende Gabe von Nivolumab bei mit TKI vorbehandelten mRCC-Patienten untersucht (Ornstein MC et al. J Immunother Cancer 2019). Reduzierte sich die Tumorlast um ≥10 %, wurden sie nur noch beobachtet (n=5). Stieg die Tumorlast um ≥10 % an, erhielten sie wieder Nivolumab. Bei 4 von 5 therapiefreien Patienten hielt das Ansprechen im Median 34 Wochen an und es gab keinen Progress. Eine intermittierende TKI-Therapie in der Erstlinie konnte in der randomisierten, auf Nicht-Unterlegenheit gepowerten Phase-II/III-Studie STAR gegenüber einer kontinuierlichen Gabe nicht überzeugen (Brown JE et al. Lancet Oncology 2023). Jedoch war das OS mit 28 vs. 27 Monaten vergleichbar.
Fazit: Auch prospektive Daten deuten darauf hin, dass Therapiepausen möglich sind.


