Komorbiditäten bei andrologischen Patienten: Was lernen wir für die Sekundärprävention?

Dr. Maria Schubert, Münster

Die männliche Infertilität ist offenbar ein Indikator für zusätzliche Gesundheitsrisiken. Wie Dr. Maria Schubert erläuterte, legen große epidemiologische Studien eine biologische Verknüpfung nahe.1,2

Spermiogramm als Biomarker?

Die Urologin berichtete von Erkenntnissen einer italienischen Arbeitsgruppe, der zufolge eine eingeschränkte Spermienqualität mit einem erhöhten Risiko für Hypogonadismus und kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert ist.3 In einer prospektiven skandinavischen Studie hatten vor allem Männer mit Azoospermie ein signifikant höheres Risiko für einen Anstieg des Charlson Comorbidity Index.4 Eine weitere Registerstudie zeigte: Je niedriger die Spermienzahl, desto höher das Mortalitätsrisiko.5 „Man hat die Lebenserwartung dieser Männer hochgerechnet und einen Unterschied von knapp zwei Jahren festgestellt“, berichtete Dr. Schubert.

Bild: Dr. Maria Schubert

Endokrine, genetische und inflammatorische Faktoren

In einer Auswertung der Daten von rund 38 000 Männern, die sich in Münster zur Fertilitätsabklärung vorstellten, konnten bei etwa 10 % onkologische und bei etwa 4–6 % genetische Ursachen identifiziert werden. „Wenn wir eine Ursache für die Infertilität kennen, können wir uns gegebenenfalls auch die Ursachen für die Komorbidität herleiten“, so Dr. Schubert. Dies erläuterte sie anhand von drei Beispielen.

Hypogonadismus geht häufig mit einer eingeschränkten Spermatogenese einher. In einer prospektiven Studie mit über 11 000 Männern waren niedrige Testosteronspiegel mit einem erhöhten Risiko für Gesamtmortalität, kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebserkrankungen assoziiert.6

Männer mit einem Klinefelter-Syndrom weisen typischerweise einen hypergonadotropen Hypogonadismus, eine stark eingeschränkte oder fehlende Spermatogenese sowie ein erhöhtes Risiko für metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus Typ 2, Osteoporose und kardiovaskuläre Erkrankungen auf.7 In einer neueren Exom-Sequenzierungsstudie bei Männern mit Azoospermie wurden bei 3,6 % genetische Veränderungen gefunden, die mit familiären Krebssyndromen oder angeborenen Herzerkrankungen assoziiert sind.8

Auch entzündliche Mechanismen spielen vermutlich eine Rolle. Eine 2025 publizierte Studie konnte zeigen, dass Männer mit nicht-obstruktiver Azoospermie immunologische Veränderungen aufweisen, die einer vorzeitigen Immunoseneszenz entsprechen. Diese Veränderungen könnten erklären, warum infertile Männer ein erhöhtes Krebsrisiko haben, da chronische Entzündungen und T-Zell-Erschöpfung Tumore begünstigen.9

Dr. Schubert betonte, dass Urologinnen und Urologen bei der Identifizierung von Risikopatienten eine Schlüsselrolle spielen. „Oft kommen die Männer mit unerfülltem Kinderwunsch zu uns. Wir können diesen ersten Kontakt nutzen, um sie adäquat aufzuklären und hausärztlich engmaschig anzubinden, damit sie nicht nur für eine Krankschreibung dorthin gehen, sondern auch zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen“, so ihr Appell.

Anne Krampe-Scheidler

Berichterstattung:

Anne Krampe-Scheidler

Medizinjournalistin

Quellen

1 Fallara, G et al. A Systematic Review and Meta-analysis on the Impact of Infertility on Men's General Health. Eur Urol Focus 2024, 10 (1), 98–106.
2 Eisenberg, ML et al. Fatherhood and the risk of cardiovascular mortality in the NIHAARP Diet and Health Study. Hum Reprod 2011, 26 (12), 3479–3485.
3 Ferlin, A et al. Sperm Count and Hypogonadism as Markers of General Male Health. Eur Urol Focus 2021, 7 (1), 205–213.
4 Boeri, L et al. Risk of health status worsening in primary infertile men: A prospective 10-year follow-up study. Andrology 2022, 10 (1), 128–136.
5 Priskorn, L et al. Semen quality and lifespan: a study of 78 284 men followed for up to 50 years. Hum Reprod 2025, 40 (4), 730–738.
6 Khaw, KT et al. Endogenous testosterone and mortality due to all causes, cardiovascular disease, and cancer in men: European prospective investigation into cancer in Norfolk (EPIC-Norfolk) Prospective Population Study. Circulation 2007, 116 (23), 2694–2701.
7 Nieschlag E et al. Andrologie. Grundlagen und Klinik der reproduktiven Gesundheit des Mannes. Springer Berlin, Heidelberg 2023, DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-662-61901-8.
8 Kasak, L et al. Actionable secondary findings following exome sequencing of 836 nonobstructive azoospermia cases and their value in patient management. Hum Reprod
2022, 37 (7), 1652–1663.
9 Amodio, G et al. Specific types of male infertility are correlated with T cell exhaustion or senescence signatures. Nat Commun 2025, 16 (1), 971.