Kinderwunsch: andrologische Diagnostik unverzichtbar

Prof. Dr. Sabine Kliesch, Münster

Obwohl in 45 % der Fälle ungewollter Kinderlosigkeit die Ursache mindestens zum Teil beim Mann liegt, erfolgt die andrologische Abklärung häufig verzögert.1 „Dabei gibt es viel, was man tun kann“, betonte Prof. Dr. Sabine Kliesch.
Maßgeblich für das Vorgehen sind die S2k-Leitlinie2, deren Update in Kürze erwartet wird, ebenso wie die Guidelines der EAU3 und der WHO1. Auch wenn Infertilität per definitionem erst nach 12 Monaten Erfolglosigkeit vorliegt, gibt es laut Prof. Kliesch gute Gründe, mit der Diagnostik früher zu beginnen: „Immer dann, wenn Hinweise auf Fertilitätsstörungen bestehen oder die Partnerin bereits 35 Jahre alt oder älter ist.“

Zufallsbefund Hodentumor

Eine präzise andrologische Diagnostik ist essenziell, bevor eine medizinisch assistierte Reproduktion (MAR) eingeleitet wird, um unnötige Behandlungen − vor allem für die Frau − zu vermeiden. „Häufig wird der Mann jedoch gar nicht untersucht, sondern auf den Becher mit Ejakulat reduziert“, kritisierte die Urologin. Die Basisdiagnostik umfasst eine strukturierte Anamnese, die körperliche Untersuchung, eine skrotale Sonografie, mindestens zwei Spermiogramme sowie eine endokrine Diagnostik. Im Rahmen der Sonografie wird bei etwa einem von 200 infertilen Männern ein Hodentumor diagnostiziert.4 In diesem Fall muss eine Kryokonservierung angeboten werden. „Wichtig ist, dass diese vor der Ablatio durchgeführt wird, weil die Spermienqualität zu diesem Zeitpunkt am besten ist“5, bekräftigte die Expertin.

Ursachenspezifische Behandlung

Ein normwertiges Spermiogramm schließt eine funktionelle Störung nicht aus. Dazu gehören etwa die mit Nikotinabusus assoziierten Antispermienantikörper, die manchmal ausgewaschen werden können, um eine Insemination zu ermöglichen.6 Klinisch relevant sind Defekte des CatSper-Kalziumkanals, die bei etwa 2 von 100 Männern vorliegen und mit einem einfachen Labortest detektiert werden können. „Der Kalziumkanal ist entscheidend für eine spontane Konzeption, eine erfolgreiche Insemination oder normale In-vitro-Fertilisation“, betonte Prof. Kliesch. Bestätigt sich der Verdacht, ist die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) der einzige Weg.7 Der Eigenanteil an den Kosten dieser Behandlungsmethode umfasse etwa 3.000 bis 4.000 Euro pro Zyklus und bringe viele der Paare an finanzielle Belastungsgrenzen.

Azoospermie: genetische Diagnostik wichtig

Eine besondere diagnostische und kommunikative Herausforderung sei die Azoospermie, so Prof. Kliesch. Sie betreffe etwa 10–15 % der infertilen Männer. Bei nicht-obstruktiver Ursache ist das FSH meist erhöht und das Hodenvolumen reduziert. Hier sei eine genetische Abklärung wichtig. „Aufgrund intensiver Forschung in den letzten Jahren haben wir mittlerweile ein ganzes Azoospermie-Genpanel“, berichtete sie. Die genetische Testung ist prognostisch relevant und beeinflusst die Indikation zur testikulären Spermienextraktion (TESE). Mit der mikrochirurgischen TESE können bei bis zu 60 % der Männer mit nicht-obstruktiver Azoospermie Spermien gewonnen werden.8 Die gute Nachricht: „Im Idealfall werden 40 % dieser Männer dann auch Väter.“

Quellen

1 Guideline for the prevention, diagnosis and treatment of infertility. Geneva: World Health Organization; 2025. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO.
2 S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung (ART), https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/015-085S2k-Leitlinie.
3 Minhas, S et al. European Association of Urology Guidelines on Male Sexual and Reproductive Health: 2025 Update on Male Infertility. European Urology 2025, 87 (5), 601–616.
4 Kliesch, S. [Rational diagnosis and treatment of male infertility]. Urologe A 2017, 56 (9), 1116–1128.
5 Tang, Y et al. Cryopreservation of Spermatozoa Prior and Post-Orchiectomy in Patients With Testicular Germ Cell Cancer-Does the Timing Matter? Andrology 2026, e70169.
6 Silva, AFN et al. Prevalence and impact of antisperm antibodies on semen quality and male reproductive health aspects: A 10-years retrospective study. Andrology 2025, 13 (8), 2150–2159.
7 Young, S et al. Human fertilization in vivo and in vitro requires the CatSper channel to initiate sperm hyperactivation. J Clin Invest. 2024, 134 (1), e173564.
8 Corona, G et al. Sperm recovery and ICSI outcomes in men with non-obstructive azoospermia: a systematic review and meta-analysis. Hum Reprod Update 2019, 25 (6), 733–757.

Anne Krampe-Scheidler

Berichterstattung:

Anne Krampe-Scheidler

Medizinjournalistin