Tumorgrading in der Zytologie des Harnblasenkarzinoms (HBCa) – Eine interdisziplinäre Diskussion aus pathologischer und urologischer Sicht

Univ.-Prof. Ruth Knüchel-Clarke, Aachen Prof. Dr. Frank vom Dorp, Duisburg

Urinzytologie diagnostisch und therapeutisch unverzichtbar

Der klinische Stellenwert der Urinzytologie wurde anhand von Fallbeispielen im Trialog zwischen Urologie und Pathologie sowie dem Auditorium erörtert. „Eine Therapie des Urothelkarzinoms ohne Zytologie ist eigentlich gar nicht denkbar“, betonte der Urologe Prof. vom Dorp. Seine Ko-Referentin ergänzte: „Wir sehen die Zellen – Sie sehen die Patienten. Erst zusammen ergibt sich das ganze Bild“, so die Pathologin Univ.-Prof. Ruth Knüchel-Clarke. Klinisch und anamnestisch relevante Informationen seien daher auch für die Pathologie essenziell.

Paris-Klassifikation: Unverzichtbar beim High-Grade-HBCa

Die 2022 aktualisierte Paris-Klassifikation (The Paris System for Reporting Urinary Cytology; TPS) hat die Befundung der Urinzytologie präzisiert, auch indem genetische Veränderungen stärker berücksichtigt wurden.1 Primär konzentriert sie sich auf die Detektion von High-Grade-Urothelkarzinomen (HGUC); Low-Grade-Läsionen sind zytologisch kaum zuverlässig erkennbar. Statt unscharfer Begriffe wie „zweifelhaft“ oder „verdächtig“ definiert die TPS klare Kategorien: negativ für High-Grade-Urothelkarzinom (NHGUC), atypische Urothelzellen unklarer Signifikanz (AUC), verdächtig auf HGUC (SHGUC) und positiv für HGUC. „Das System zwingt uns, Bauchgefühl durch Kriterien zu ersetzen“, betonte Knüchel-Clarke. „Die Vermeidung von unklaren Kategorien erleichtert uns auch die Kommunikation mit den Patienten, fügte vom Dorp hinzu.

Anhand der vorgestellten fiktiven Fälle wurde deutlich, dass Zytologie und Histologie bei richtiger Anwendung der Kriterien einander spiegeln. Die Zytologie sollte aus frischem Urin angefertigt werden. Ob dieser spontan oder durch Spülung gewonnen wurde, ist laut den Experten egal.

 

Zytologie relevant für Therapie und Nachsorge

Weitere Beispiele zeigten, dass das Ausmaß der Resektion wesentlich vom zytologischen Befund abhängt. Bei positiver Zytologie ohne Tumorkorrelat muss systematisch nach CIS gesucht werden, gegebenenfalls mit Abklärung des oberen Harntrakts. Sowohl in der primären Detektion von CIS als auch in der Rezidivdiagnostik nach BCG hat die Zytologie eine hohe Sensitivität.2 Bei der BCG-Nachsorge ist sie hochsensitiv für Rezidive. 

Beide Referenten hielten zum Abschluss ein engagiertes Plädoyer für eine stärkere Nutzung der Urinzytologie bei Verdacht auf ein HBCa. „Eine Urinzytologie sollte man immer machen. Gerade zu Beginn der Diagnostik ist sie sinnvoll, weil der Tumor damit gut charakterisiert werden kann“, betonte vom Dorp in seinem Fazit. Urinmarker sollen zur Früherkennung nicht angewendet werden.

Quellen

1 Vlajnicet, T et al. [New edition of the Paris classification 2022: What is new?]. Pathol 2024, 45 (6), 389–396.

2 Mian, C et al. The value of the ImmunoCyt/uCyt+ test in the detection and follow-up of carcinoma in situ of the urinary bladder. Anticancer Res 2005, 25 (5), 3641–3644.