Fortschritte in der Behandlung des Prostatakarzinoms: Die Leitlinie 2025 im Fokus
Prof. Dr. Hans Schmelz, Koblenz
S3-Leitlinie: Was ist neu bei Früherkennung, Diagnostik und Staging?
Im August 2025 wurde die S3-Leitlinie Prostatakarzinom (PCa) aktualisiert.1 Prof. Dr. Hans Schmelz erläuterte die wichtigsten Neuerungen im Bereich Früherkennung, Diagnostik und Staging.
Risikoadaptierte Früherkennung
Es ist ein Paradigmenwechsel: Die digitale rektale Untersuchung (DRU) wird wegen hoher falsch-positiver Raten nicht mehr empfohlen – eine Änderung, die laut Schmelz in der Praxis zu Diskussionen führen dürfte. Männern, die eine Früherkennung wünschen, soll die Bestimmung des PSA-Werts angeboten werden, da dies die Wahrscheinlichkeit für Mortalität und Metastasierung senkt. Die Untersuchungsintervalle richten sich nach dem PSA-Wert. Der Schwellenwert für eine weitere Diagnostik wurde auf ≥ 3 ng/ml gesenkt. Eine Kontrollmessung nach 3 Monaten könne in etwa 50 % der Fälle weitere Abklärungen vermeiden, hob Schmelz hervor.
Aufwertung der MRT in der Diagnostik
Bei PSA ≥ 3 ng/ml und relevantem individuellen Risiko soll weiter abgeklärt werden. „Die PSA-Dichte und der absolute PSA-Wert sind wesentliche Kriterien“, so Schmelz. Bestätigt sich ein Risiko, muss eine MRT durchgeführt werden. „Mit einer Rate an falsch-negativ prädiktiven Befunden von 3 bis 4 % können Sie sich darauf gut verlassen“2, so der Experte. Neu ist die Empfehlung, bei PI-RADS 1–2 keine Biopsie durchzuführen und bei PI-RADS3 nur bei erhöhtem Risiko. Für das Risiko-Assessment empfahl Schmelz die EAU-Übersicht, basierend auf MRT-Befund und PSA-Dichte. Sie unterstützt auch die Entscheidung zu Re-Biopsien bei PI-RADS 4–5.3 Systematische Erstbiopsien müssen nicht wiederholt werden. Wenn diese jedoch ohne MRT erfolgten, soll die Re-Biopsie MRT-fusioniert erfolgen. Patienten mit hohem familiären Tumorrisiko sollten genetisch beraten werden und eine Keimbahn-Testung erhalten. Letzteres gilt auch für alle Männer mit einem metastasierten PCa.
Differenzierteres Staging
Die D’Amico-Klassifikation verliert zugunsten von differenzierteren Systemen an Bedeutung.4–6 So wird die intermediäre Risikogruppe nun weiter in günstig und ungünstig unterteilt. Die T-Kategorie soll mittels DRU und MRT bestätigt werden. Und jeder Patient, bei dem ein PCa diagnostiziert wird, benötigt ein MRT. „Die verwendete Klassifikation muss dokumentiert werden, da dies unterschiedliche therapeutische Implikationen hat“, betonte Schmelz. Eine Ausbreitungsdiagnostik erfolgt gemäß den Empfehlungen des National Comprehensive Cancer Networks (NCCN) erst bei ungünstigem intermediären oder hohem/sehr hohem Risiko; dann wird ein PSMA-PET/CT empfohlen.5 „Der Stellenwert des des interdisziplinären Tumorboards nimmt deutlich zu“, konstatierte der Urologe. Er wies auch darauf hin, dass die gestärkte Rolle der Bildgebung in der Praxis zu Problemen führen könne: „Die Empfehlungen sind medizinisch gut begründet. Das Problem ist, dass wir mit unserem Abrechnungssystem hinterherhängen.“
Quellen
1 S3-Leitlinie Prostatakarzinom, Langversion 8.1, 2025, AWMF-Registernummer: 043-022OL; https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/prostatakarzinom/; Zugriff am 14.11.2025.
2 van der Leest, M. et al. Eur Urol 2019, 75 (4), 570–578.
3 Schoots, I et al. BJU Int 2021, 127 (2), 175–178.
4 Cornford, P. et al. Eur Urol 2024, 86 (2), 148–163.
5 NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology (NCCN Guidelines®) Prostate Cancer, Version 3.2026 — November 7, 2025; https://www.nccn.org/professionals/physician_gls/pdf/prostate.pdf
6 D’Amico, A et al. Jama 1998, 280 (11), 969–974.