Die verborgenen Facetten der Intimität: Sexualstörungen bei Frauen

Priv.-Doz. Dr. Désirée Louise Dräger, Rostock

Auch sexuelle Gesundheit ist Aufgabe der Urologie

Sexualität ist immer noch ein Tabuthema – auch in der urologischen Praxis. „Wir sprechen das Thema nicht gern an - und die Patientinnen auch nicht“, konstatierte Priv.-Doz. Dr. Désirée Louise Dräger. Sexualität sei jedoch „nicht nur die Kirsche auf dem Eisbecher, sondern ein wichtiger Parameter für Lebensqualität und Gesundheit“, betonte sie. Insbesondere weibliche Sexualität sei in Medizin und Forschung noch immer unterrepräsentiert. Hinzu komme der Aufwand für eine komplexe Diagnostik und Therapie aufgrund einer vielfältigen Ätiologie sowie von sozioökonomischen, religiösen und kulturellen Einflüssen und unterschiedlichen Erwartungen an die eigene Sexualität.

Funktionsstörungen häufig

Daten aus der Gynäkologie verdeutlichen die Dimension: Rund 40 % aller Frauen zwischen 18 und 59 Jahren berichten über sexuelle Funktionsstörungen, am häufigsten Libidostörungen, gefolgt von Erregungs- und Orgasmusproblemen sowie Schmerzen.1,2 Über die Lebensjahre verändern sich Sexualität und sexuelle Bedürfnisse deutlich. Jüngere Frauen seien stärker psychologisch-emotional belastet, etwa durch Leistungsdruck, Angst vor Versagen oder das Körperbild, so die Expertin. Die Trigger seien zum Teil andere als bei Männern. „Bei den Frauen muss es nicht der Porno sein. Es reicht Social Media“, berichtete die Urologin. Bei älteren Frauen stehen neben mangelnder Libido somatische Probleme wie Lubrikationsstörungen oder menopausale Beschwerden im Vordergrund.3 

Auswirkung von Therapien zu wenig thematisiert

Frauen mit Inkontinenz oder Krebserkrankungen sind besonders vulnerable Gruppen. Aufgrund der Angst vor Urinverlust und Scham erhöht sich das Risiko für eine sexuelle Dysfunktion deutlich.4, 5 Auch nach erfolgreicher Therapie sollte daher gezielt nach persistierenden Beschwerden gefragt werden, empfahl Dräger. Bei onkologischen Patientinnen führen Operationen, Stomata, Narben, Hormonentzug, Chemotherapie-bedingte Veränderungen oder Fatigue oft zu massiven Einschränkungen der Sexualität und des Körperbildes. Viele Betroffene fühlen sich nach der Erkrankung weniger attraktiv; gleichzeitig vermeiden über 90 % das Thema in der Sprechstunde – und ebenso viele Ärztinnen und Ärzte.6–8 Dies führe häufig dazu, dass behandelbare Probleme über Jahre bestehen bleiben, kritisierte die Expertin. Eine aktive Kommunikation sei daher entscheidend, appellierte Dräger an ihre Kollegen. „80 % unserer Patienten wünschen sich mehr Informationen darüber, wie ihre Sexualität durch unsere Therapien und durch ihre Erkrankung beeinträchtigt wird“, machte sie deutlich.8 Ebenso wie Männer mit Prostatakarzinom gezielt zu Potenzproblemen befragt werden, sollte auch bei Frauen – etwa vor einer Zystektomie – zum Beispiel geklärt werden, ob sie noch sexuell aktiv sind, da dies die operative Rekonstruktion des Vaginastumpfes beeinflusst. 

Quellen

1 Clayton, AH et al. Med Clin North Am 2019, 103 (4), 681–698.

2 Shifren, JL et al. Sexual problems and distress in United States women: prevalence and correlates. Obstet Gynecol 2008, 112 (5), 970–978.

3 Lindau, S et al. A Study of Sexuality and Health among Older Adults in the United States. New England Journal of Medicine 2007, 357 (8), 762–774.

4 Duralde, ER et al. Urinary Incontinence and Associated Female Sexual Dysfunction. Sex Med Rev 2017, 5 (4), 470–485.

5 Grzybowska, ME et al. Coital incontinence: a factor for deteriorated health-related quality of life and sexual function in women with urodynamic stress urinary incontinence. Int Urogynecol J 2017, 28 (5), 697–704.

6 Vitrano, V et al. Sexuality in patients with advanced cancer: a prospective study in a population admitted to an acute pain relief and palliative care unit. Am J Hosp Palliat Care 2011, 28 (3), 198–202.

7 Smedsland, SK et al. Sexual activity and functioning in long-term breast cancer survivors; exploring associated factors in a nationwide survey. Breast Cancer Res Treat 2022, 193 (1), 139–149.

8 The Pfizer Global Study of Sexual Attitudes and Behaviors: Pfizer Sexual Health Summit, London, UK, 20 February 2002; 2002.