Der Stellenwert der invasiven Urodynamik

Zeitaufwendig und kostenintensiv – Wird die invasive Urodynamik deshalb immer seltener durchgeführt?

Mithilfe der invasiven Urodynamik kann die Funktion der unteren Harnwege tiefgründig und präzise gemessen werden. Sie kann daher für die korrekte Diagnosestellung bei Funktionsstörungen wie der Harninkontinenz sehr hilfreich sein. Die Erkenntnisse, die mit dieser Methode gewonnen werden, haben allerdings nicht immer Einfluss auf die Therapie der Patienten. So haben Studien aus dem vergangenen Jahrzehnt gezeigt, dass die Behandlungsergebnisse bei Frauen mit unkomplizierter Belastungsinkontinenz sowie Männern mit LUTS vergleichbar sind, unabhängig davon, ob vorab eine urodynamische Untersuchung erfolgte1-4. Infolge dieser und anderer Studien wurden die Leitlinien der EAU angepasst und die Empfehlungen zur Urodynamik vor operativen Eingriffen bei der Harninkontinenz gestrichen5. Zusätzlich ist die Vergütung der Urodynamik im Vergleich zu personellem und materiellem Aufwand nicht ausreichend. Das scheinen die Gründe für eine rückläufige Entwicklung der invasiven Urodynamik zu sein, die in einer Reihe von Fällen jedoch ihre Indikation behalten hat.

Exkurs: Vergütung der Urodynamik

Die invasive urodynamische Untersuchung (OPS 1-334) kann in der Ambulanz nach EBM aktuell über die Zusatzpauschale 26313 (apparative Untersuchung bei Harninkontinenz oder neurogener Blasenentleerungsstörung) mit 855 Punkten (=98,25 EUR) abgerechnet werden. Beachte: Abrechnungsausschluss von Urethro(zysto)-skopie, Urethradruckprofilmessung und Urodynamik im Behandlungsfall; GOP 26313 sperrt die Abrechnung der Zuschläge für die urologische Grundversorgung. Die Messkatheter-Kostenerstattung ist in den einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen unterschiedlich geregelt.

Voraussetzung für die Leistung ist das Vorhandensein eines Urodynamischen Messplatzes; obligate Leistungsinhalte sind: elektromanometrische Druckmessung der Blase und des Abdomens, EMG sowie eine fortlaufende grafische Registrierung.

Hoher Investitionsbedarf, fehlende Übernahme der Materialkosten und damit mangelnde Wirtschaftlichkeit haben dazu beigetragen, dass Urodynamische Messplätze heute eher selten vorhanden sind. Insgesamt erfordert die Abklärung einen erheblichen Aufwand an Zeit und Personal, die nach EBM nicht adäquat vergütet werden.

Krankenhäuser bieten die Leistung in der Regel nur als vorstationäre Leistung auf Einweisung des Patienten an, nicht zuletzt da viele niedergelassene Urologen diese Untersuchung aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr durchführen. Auf diese Weise sind die Materialkosten gedeckt.

Ob die Vergütung der Urodynamik im Zuge von Ambulantisierung und sektorengleicher Vergütung eine neue Bewertung und Einordnung erfährt, bleibt abzuwarten. Eine Aufnahme in den AOP-Katalog mit einer Vergütung, die die Kosten für Einmalmaterial inkludiert, würde die Situation verbessern.

Fazit

Dr. Martin Baunacke und Kollegen haben die rückläufige Entwicklung der invasiven Urodynamik nun quantifiziert6. Eine interessante Erkenntnis dieser Arbeit ist, dass sowohl die Anzahl der durchgeführten Untersuchungen gesunken ist, als auch die Anzahl der Kliniken, in denen diese Untersuchung überhaupt angeboten wird. Somit erfolgt eine Spezialisierung der Kliniken, aber auch der Lehrpläne für die Facharztausbildung. Je nach Ausbildungsort wird diese Technik also künftig nicht mehr standardmäßig gelehrt. Jedoch kann die Urodynamik nach wie vor wichtige Erkenntnisse für eine korrekte Diagnosestellung liefern (z.B. bei LUTS, auffälligen Befunden bei der OAB, oder neurologischen Erkrankungen) und sollte daher vor der Indikationsstellung zu operativen Eingriffen sowie fragwürdigen Befunden auch weiterhin Anwendung finden.

Quelle:

[1] Nager CW, Brubaker L, Litman HJ, Zyczynski HM, Varner RE, Amundsen C, et al. A randomized trial of urodynamic testing before stress-incontinence surgery. N Engl J Med. 2012;366((21)):1987–1997.
[2] van Leijsen SAL, Kluivers KB, Mol BWJ, Hout J, Milani AL, Roovers JWR, et al. Value of urodynamics before stress urinary incontinence surgery: a randomized controlled trial. Obstet Gynecol. 2013;121((5)):999–1008.
[3] Clement KD, Burden H, Warren K, Lapitan MC, Omar MI, Drake MJ. Invasive urodynamic studies for the management of lower urinary tract symptoms (LUTS) in men with voiding dysfunction. Cochrane Database Syst Rev. 2015;((4)):CD011179.
[4] Lewis AL, Young GJ, Selman LE, Rice C, Clement C, Ochieng CA, et al. Urodynamics tests for the diagnosis and management of bladder outlet obstruction in men: the UPSTREAM non-inferiority RCT. Health Technol Assess. 2020;24((42)):1–122.
[5] EAU guidelines . Arnhem, The Netherlands: EAU Guidelines Office; 2024. In: Edn. presented at the EAU Annual Congress Paris 2024.
[6] Baunacke M, Leuchtweis I, Kaufmann A et al. Decreasing number of Urodynamics in urological and gynaecological clinics reflects decreased importance for surgical indications: German population-based data from 2013 to 2019. Urol Int. 2022;106:1068–1074.

Anne Uhlemann

Medizinisch‑wissenschaftlich verantwortlich:

Dr. Anne Uhlemann

Medical Manager Urologie

Steffi Liebig

Gesundheitspolitik

Steffi Liebig

Bereichsleiterin Gesundheitspolitik und Unternehmenskommunikation