Der digitale Arzt – Vision oder bereits Realität?

Dr. Alexandra Widmer, Hamburg

Patienten treiben Digitalisierung voran

Die Neurologin, Psychotherapeutin und Gründerin von Docs Digital gab einen praxisnahen Einblick in die rasanten Veränderungen der medizinischen Versorgung durch digitale Anwendungen und insbesondere generative künstliche Intelligenz (KI). „Patienten nutzen KI schon selbstverständlich. Fast jeder Zweite bereite sich mithilfe einer KI auf den Arztbesuch vor. Das zeigt: Die Digitalisierung ist nicht Zukunft – sie ist Gegenwart. Und wir Ärztinnen und Ärzte müssen aktiv gestalten, statt gestaltet zu werden“, ermutigte sie ihre Kollegen.  

„Technostress“ belastet zusätzlich

Die Urologie gilt formal als relativ digitalisiert – etwa 72 % der Ärzte nutzen laut Studien moderne Praxissoftware und 35 % Apps.1, 2 Doch echte digitale Transformation gehe weiter, so Widmer: KI-gestützte Anamnese, Entscheidungsunterstützung, Bildauswertung, Erstellung von Arztbriefen mittels KI. Diagnostik, Dokumentation und Therapiewahl werden zunehmend durch Algorithmen ergänzt, in der Urologie etwa bei Ultraschall, Laborverläufen oder Risikostratifizierung. Laut Expertenkonsens muss sich das Fach bis 2030 digital grundlegend weiterentwickeln, um klinisch wie wirtschaftlich mithalten zu können.3 Im Gegensatz zu vielen Patienten erleben Urologen digitale Tools jedoch aktuell noch eher als Be- denn als Entlastung, der wissenschaftliche Begriff dafür lautet „Technostress“.4

Problematische „Schatten-KI“

Die Diskrepanz zwischen potenziell nutzbaren und tatsächlich verfügbaren Tools befördere die weitverbreitete „Schatten-KI“, so Widmer: Viele Ärztinnen und Ärzte in Praxen und Kliniken nutzten längst KI - mangels klinisch zugelassener Tools allerdings auf ihren Smartphones.5 „Die private Smartphone-KI ist für viele das bessere Nachschlagewerk als jedes KIS“, so ihre These. Allerdings geben die Ärzte das nicht zu. Studien zeigen jedoch, dass Patienten den Einsatz von KI eher akzeptieren, wenn Ärztinnen und Ärzte offen darüber sprechen. „Der entscheidende Wirkstoff der Zukunft ist nicht die KI – es ist das Vertrauen in den, der sie benutzt.“ Gerade in der Urologie, wo chronische Erkrankungen und sensible Themen dominieren, sei die neue Dreiecksbeziehung zwischen Patient, Arzt und KI hochrelevant, so Widmers Prognose. 

Ärztliche Rolle neu definieren

Wenn KI Diagnosen und Therapien vorschlägt, was bleibt dann der ärztliche Beitrag? Widmer machte deutlich, dass die Rolle der Ärzte sich wandelt. „Wir brauchen eine neue Art von Kompetenz – Datenkompetenz, technologische Kompetenz, kommunikative Kompetenz.“ Ärztliche Empathie bleibe zentral – aber sie werde ergänzt durch die Fähigkeit, KI-Ergebnisse einzuordnen, zu moderieren und zu vermitteln. „Der digitale Arzt ist keine Vision mehr – er sitzt längst mit im Behandlungszimmer.“

Quellen

1 Borkowetz, A. et al. [Acceptance and status of digitalization in clinics and practices : Current assessment in German urology]. Urologie 2022, 61 (12), 1365–1372.

2 Al Sliman et al. Usage of the Internet and Digital Health among Urological Patients: Findings from a Cross-Sectional Study. Urol Int 2025, 109 (6), 612–618.

3 Huber, J. et al. [Urology 2030: Why it is key to promote digitisation in urology today to maintain medical care in the future - an expert consensus]. Aktuelle Urol 2023, 54 (3), 213–219.

4 Bail, C. et al. Digitalization in Urology-A Multimethod Study of the Relationships between Physicians' Technostress, Burnout, Work Engagement and Job Satisfaction. Healthcare (Basel) 2023, 11 (16).

5 Negash, S. et al. Physicians' attitudes and acceptance towards artificial intelligence in medical care: a qualitative study in Germany. Front Digit Health 2025, 7, 1616827.